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The walking dead – Der Zombiehorror und eine Geschichte dahinter

Als ich neulich, kurz vor Halloween, durch das Fernsehprogramm zappte, landete ich bei der Serie „The walking dead“. Im Englischen bezeichnet man Zombies auch als „walker“, im Deutschen gibt es den Begriff des „Wiederkehrers“. Ich bin ein großer Fan von Gruselfilmen, und speziell das Genre „Zombies“ hat mich aus ethnologischer Sicht schon immer interessiert.

Eigentlich hatte ich keine großen Erwartungen an The walking dead, denn fast alle Zombiefilme arbeiten mit sehr subtilen Mitteln, die nicht mehr viel mit den Zombies in der „realen“ Welt zu tun haben.

In einem typischen Zombiefilm ist der gewöhnliche Zombie ein angriffslustiges Monster, das unschuldige Menschen tötet oder durch Biss oder Blutübertragung auch zombifiziert. Tatsächlich hat die Vorstellung der Existenz von Zombies an sich einen realen, ethnographischen Hintergrund.

Im Voodoo in Haiti glaubt man an die Existenz von Zombies. Allerdings hat man dort mehr Angst vor einer möglichen Zombifizierung, also das man selber oder eine geliebte Person zum Zombie wird, als vor Angriffen von Zombies. In der Vorstellung der Voodoo-Anhänger kann jemand zum Zombie werden, wenn bei einem Begräbnisritual etwas schief läuft. Normalerweise dienen dort praktizierte Totenrituale unter anderem zur Trennung des „gwo bonanj“, des „guten Engels“, dessen Sitz im Kopf des Menschen ist. Wir würden es vielleicht als Seele bezeichnen. Wenn ein Ritual also nicht korrekt ausgeführt wird, kann es vorkommen, dass dieses „gwo bonanj“ in der Atmosphäre umherirrt und dann von einem „bókó“, einem böswilligen „Magier“ eingefangen wird. Der kann es dann in einen Zombie verwandeln, der dann für ihn arbeiten muss. Eine weitere mögliche Vorgehensweise ist, dass der Körper eines Toten nach der Beerdigung wieder ausgegraben wird und wiederbelebt wird. Da das „gwo bonanj“ nach dem Begräbnis den Körper schon verlassen hat, ist der Körper nur noch eine empfindungslose willenlose Hülle, die zu eigenen Zwecken missbraucht werden kann.

Ein Zombie ist in der Vorstellung von Voodoo-Anhängern eine unterwürfige Kreatur ohne eigene Hülle und wird mit salzarmer Nahrung ernährt. Es mag sein, dass ein Haitianer, der dem Voodoo angehört, den Anblick eines Zombies erschauern lässt. Das ist natürlich nachvollziehbar, wen würde das nicht erschrecken. Aber im Allgemeinen fürchtet man sich vor diesen Kreaturen nicht, sondern eher vor den Erschaffern dieser Zombies.

Interessant wird der Vorgang der Zombifizierung, wen man die Geschichte Haitis miteinbezieht. Zur Zeit der Kolonialisierung Haitis war es ein dringliches Anliegen der Europäer, nachzuweisen, dass der Afrikaner an sich ein unterentwickeltes Wesen ist (siehe Evolutionismus). Dazu scheute man keine Mühe und grub die Toten wieder aus, trennte den Kopf vom Körper und löste in großen Kochtöpfen das Fleisch vom Knochen ab, damit man dann die Schädel zur Untersuchung nach Europa schiffen konnte. Man machte sich meist nicht die Mühe, die missbrauchten Leichen wieder einzugraben. Die Haitianer fanden dann diese Überreste vor und beobachteten, wie ihre Sklaventreiber die Schädel mitnahmen. Die Analogie des Lebens eines Sklaven auf Haiti zur Zombifizierung ist erschreckend augenscheinlich, eine ausführliche Erläuterung spare ich mir an dieser Stelle.

Doch nun zurück zu „The walking dead“. Abgesehen davon, dass ich die Serie wahnsinnig spannend finde, greift die Serie einen Aspekt auf, der in der Vergangenheit im Zombiefilm-Genre eher vernachlässigt wurde. Selbstverständlich fürchten sich die Protagonisten weiterhin vor den umherirrenden Zombies, aber mindestens genauso fürchten sich sich vor eine Zombifizierung. Auch die Zombifizierung von geliebten Familienmitgliedern wird thematisiert, eine Person, der Farmbesitzer, sperrt sogar seine zombifizierten Nachbarn und Familie in seine Scheune und erhält sie am Leben, in der Hoffnung, ein Gegenmittel für die „Zombieseuche“ zu finden.

Und hier greift die Serie wieder ein altbewährtes rhetorisches Mittel des Genres auf, nämlich die Vorstellung, dass ein Virus Schuld an der Zombifizierung der Menschheit hat. Sehr häufig findet sich in Filmen dieses Genres noch ein weiteres beliebtes Stilmittel, und war der Hinweis auf geheimnisvolle Praktiken aus „Afrika“ bzw. Haiti, die an der Entstehung der Zombies teilhaben. Aus ethnographischer Sicht sind diese zur Unterhaltung missbrauchten „Fakten“ nicht haltbar und nerven mich ständig, wenn ich solche Filme anschaue.

Zumindest bis zur zweiten Staffel wird auch noch keine Verbindung zum „bösen schwarzen Kontinent Afrika“ geknüpft, in herkömmlichen Zombiefilmen eigentlich sehr beliebt.

So kann ich mit gutem Gewissen das spannende, wenn auch sinnlose Zombiespektakel verfolgen. Es entsteht die Hoffnung, dass in Zukunft das Zombiegenre ohne gemeine sensationsheischende Exotisierung auf Kosten Afrikas bzw. Haitis auskommen könnte, und einfach nur mit sinnfreiem Gemetzel unterhält.

admin • 2. Dezember 2012


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