Cultural Affair

Der interkulturelle Blog

3

„Taksim ist unser“ – Augenzeugenbericht zu den Geschehnissen in Istanbul/Türkei

„Montag, 3. Juni 2013. Heute Morgen war ich zum Sonnenaufgang auf dem Taksim-Platz. Das Leben hat dort in den letzten Tagen keine Sekunde lang angehalten. Der Platz ist voll von Demonstranten, die unter Decken gekauert schlafen und über den angrenzenden Gezi-Park wachen oder mit riesigen schwarzen Plastiksäcken den herumliegenden Müll und Schutt einsammeln. Rauch in der Luft, der Morgen nach einer Revolution.

Alles fing an mit einem kleinen Park namens Gezi, der direkt an den zentralen Taksim-Platz angrenzt. Dieser Park soll abgeholzt und durch ein Einkaufszentrum ersetzt werden. Die meisten Istanbuler wollen das nicht, sind aber nie von Ministerpräsident Erdogan gefragt worden. Deshalb kamen am Dienstag, den 28. Mai ein paar Dutzend Demonstranten zum Gezi-Park, um die Abholzung der Bäume zu verhindern. Die Polizei rückte an und vertrieb die Menschen mit reichlich Tränengas und Pfefferspray, obwohl diese überhaupt keinen physischen Widerstand geleistet hatten.

Nachdem sich dieser Vorfall herumgesprochen hatte, kamen am Tag darauf mehr Demonstranten zum Gezi-Park. Es gab ein Protestprogramm mit Pressekundgebungen, Filmvorführungen und Konzerten. Am 30. Mai gab es mehrere Übergriffe der Polizei gegen die Demonstranten, und nachdem sie außerdem einige Pressekundgebungen verhindert hatte, strömten immer mehr Menschen in den Park, empört vom aggressiven Vorgehen der Polizei.

Am frühen Morgen des 31. Mais sperrte die Polizei schließlich den Taksim-Platz komplett ab und zündete Zelte teilweisender schlafender Parkbesetzer an. Als diese aus den Zelten flüchteten, erwartete sie Tränengas und Pfefferspray. Sie schrien „Ihr bringt uns um!“ und begannen, die Polizei mit Steinen zu bewerfen.

Innerhalb von Stunden marschierten zehntausende von Menschen rund um den Taksim-Platz. Das normale Leben kam vollständig zum Erliegen. Die Polizei ging äußerst aggressiv gegen die Menschen auf der Straße vor. Rund um den Taksim-Platz kam es immer wieder zu Straßenschlachten: Panzerähnliche Wasser- und Tränengaskanonen rollten auf Menschenmengen zu und beschossen sie direkt. Die Polizei warf Tränengasgranaten auf jeden, der sich dem Taksim-Platz näherte und alle Gruppierungen von Menschen auf der Straße, achtlos ob es Demonstranten, Touristen, Junge oder Alte waren. Die zentrale Einkaufsstraße Istiklal war gestopft voll von Menschen, die sich einen Frontkampf mit der Polizei lieferten: Wo sie aufeinandertrafen, konnte man vor lauter Tränengas weder sehen noch atmen. Die Demonstranten erkämpften sich fünfzig Meter, wurden wieder zurückgedrängt, und so weiter.

In den Nebenstraßen bot sich ein skurriles Bild. Mein Hostel ist ca. 500 Meter vom Taksim-Platz entfernt. Auf der Straße sah man abwechselnd panische Menschen keuchend vor der anrückenden Polizei und dem vorauseilenden Tränengas davonrennen, während die Polizei aus geringster Entfernung mit Rubber Rockets auf alle schoss, die nicht schnell genug Deckung finden konnten.

Kaum hatte sich das Gas verzogen, sah man fünf Minuten später wieder Obstverkäufer mit ihren Rollwägelchen durch die Straßen ziehen.

Wo immer eine Tränengasrakete abgefeuert wurde, fanden sich augenblicklich Helfer, darunter viele junge Frauen, die die Opfer der Gaswolken mit Zitronen, Milch und bestimmten Chemikalien, die man sich gegen das Brennen in die Augen reibt, zur Hilfe eilten.

Bis zum nächsten Morgen hörte man immer wieder Explosionen und Schüsse, daraufhin Schreie, Buhrufe und Sprechchöre. Die häufigsten Redewendungen waren „Gemeinsam gegen den Faschismus“ und „Erdogan, tritt zurück“. An diesem Tag wurden ca. 1000 Menschen verletzt, darunter verloren sechs unter direktem Beschuss mit Pfefferspray und Tränengas aus geringer Entfernung ihr Augenlicht. Nicht bestätigt sind ein oder zwei Tote.

Am Abend in dem Hostel, in dem ich zur Zeit wohne, mussten wir vor dem Tränengas, das selbst durch geschlossene Fenster und Türen dringt, mit Gasmasken in den sechsten Stock fliehen, wo wir keuchend und hustend mit tränenden Augen abwarteten, bis das Gas in der Luft weniger wurde.

Am nächsten Morgen, den 1. Juni, bot sich ein Bild der Verwüstung. In großen Teilen der Haupteinkaufsstraße Istiklal sind alle Fenster im Erdgeschoss eingeschlagen. Jeder einzelne Geldautomat wurde zerstört. Der Boden ist gesäumt von Schutt und Glasscherben, überall steigt Rauch von brennenden Müllhaufen auf. Viele Nebenstraßen haben die Hälfte ihrer Pflastersteine verloren, die die Demonstranten herausgerissen, zertrümmert und auf die Polizei geworfen hatten.

Um 16 Uhr zog sich die Polizei zurück und überließ den Gezi-Park, Taksim und die umliegenden Gebiete vollständig den Demonstranten. Hunderttausende gingen auf die Straße und den Taksim-Platz, tranken, sangen und schwenkten Fahnen. Siegesstimmung. Zwei Stunden nachdem die Polizei abgezogen war, war alles Bier rund um Taksim ausverkauft. Bis in die Morgenstunden saßen überall Menschen auf den Straßen, tranken, feierten und prosteten Erdogan symbolisch zu (er hatte zuvor mit einigen Gesetzen den Alkoholkonsum in der gesamten Türkei drastisch eingeschränkt).

Am nächsten Tag, den 2. Juni, richtete in Ankara ein Polizeibeamter den in einer Menschenmenge friedlich protestierenden jungen Menschenrechtler Ethem Sarısülük mit drei gezielten Kopfschüssen regelrecht hin. Er befindet sich momentan im Krankenhaus. Er wird noch künstlich am Leben gehalten, aber er ist hirntot und die Ärzte geben ihm keine Chance.

Jetzt gerade scheint sich zumindest hier am Taksim-Platz alles ein bisschen zu beruhigen. Heute morgen war After-Revolution-Stimmung. Überall gibt es brennende Müllhaufen und kleine Lagerfeuer, um die die Menschen sitzen, trinken, schlafen und singen. Rund um Taksim stehen ausgebrannte Stadtbusse und Polizeiwägen mit eingeschlagenen Fenstern. In den letzten Nächten haben hunderte Menschen zerstörte Autos, Bushaltestellen und Polizeiabsperrungen auf die Straßen um Taksim geschleppt. Taksim ist jetzt von den Demonstranten gegen die Polizei abgesperrt.

Wie es weitergeht, weiß keiner. “Bis gestern hatte ich keine Hoffnung”, sagte am 1. Juni eine Demonstrantin, die eine Regenbogenflagge auf dem Taksim-Platz schwenkte, “aber jetzt bewegt sich etwas, und das ist wunderbar. Ich hoffe, dass die Menschen sich bei den nächsten Wahlen an diese Ereignisse erinnern werden!”

Erdogan indes bleibt hart. Er räumte zwar Fehler beim Polizeieinsatz ein, aber er bezeichnet die Demonstranten immer wieder als “extremistische Minderheit”, deren Willen er sich keinesfalls beugen wird. Er möchte das Einkaufszentrum um jeden Preis bauen, und gleich im Anschluss einen dritten Flughafen, eine dritte Bosporusbrücke und einen Tunnel unter dem Taksim-Platz. Größenwahn? Ach, woher denn. Übrigens möchte er bis zum 100-jährigen Jubiläum der ausgerufenen Republik Türkei das Land regieren – das heißt, bis 2023 – und es in die Liste der zehn größten Wirtschaftsmächte der Welt bringen. Und 2014 will er sich zusätzlich zu seinem jetzigen Posten als Ministerpräsident zum Staatspräsidenten küren lassen, somit ausgestattet “mit einer Vollmacht wie sie kein türkischer Politiker seit Staatsgründer Atatürk besaß und wie sie mit Ausnahme einiger afrikanischer Diktatoren und Präsident Putin in Russland kaum ein Staatschef besitzt” (Zitat: Spiegel).“

Anonymer Gastartikel

erdogangezi parktaksimTürkei

admin • 3. Juni 2013


Previous Post

Next Post

Comments

  1. Vera 4. Juni 2013 - 18:38 Reply

    Wow! Interessanter Bericht aus einer „anderen Perspektive“! Bekommt man ja dann doch alles nicht weiter mit hier…
    Liebe Grüße,
    Vera

  2. admin 4. Juni 2013 - 18:48 Reply

    Danke für Deinen Kommentar. Der Verfasser spricht und versteht auch einiges Türkisch – er konnte sich somit, glaube ich, einen ganz guten Eindruck vor Ort verschaffen.

    • Vera 5. Juni 2013 - 08:28 Reply

      Glaube ich auch 😉

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published / Required fields are marked *