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Der König von Benin wird aktiv gegen Menschenhandel aus Nigeria

Der Oba von Benin, Oba Ewuare 11, hat am 9. März 2018 vor seinem Palast in Benin City eine Versammlung einberufen. Der Oba ist der Herrscher über das ehemalige Königreich Benin, heute ein Reich unter den edo-sprachigen Völkern im Südwesten des heutigen Nigeria (also Edo State). Der Titel ist erblich und dem Oba werden übernatürliche Kräfte zugeschrieben, er ist die oberste Instanz aller Juju-Aktivitäten in Edo State. Anwesend waren alle Chiefs aus Edo State, Juju-Priester und -Heiler, und nigerianische Journalisten.

Oba Ewuare 11 (rotes Gewand) und Chiefs aus Edo State (weiße Gewänder) am 9. März 2018 vor seinem Palast in Benin City / Nigeria.


Exkurs: Was ist Juju?

Juju ist ein umgangssprachlicher Überbegriff für Praktiken „traditioneller“ Religionen Westafrikas. Die einzelnen Religionen haben meist keinen Namen und werden, auch durch den vermehrten Einfluss christlicher Kirchen, gerne unter dem Überbegriff Juju zusammengefasst, in ihrer Ausprägung sind sie aber je nach Region und Kontext unterschiedlich.


Oba Ewuare 11 ließ verlauten, dass er aktiv etwas gegen den Menschenhandel aus Edo State unternehmen möchte, denn er hätte während seiner Tätigkeit als nigerianischer Botschafter in Italien gesehen, wie seine Landsleute, insbesondere die Frauen, leiden müssen.

Dafür macht er die Menschenhändler (sogenannte Madames und ihre HelferInnen) und die Juju-Priester verantwortlich, die darin involviert sind.


Exkurs: Rolle des Juju im Menschenhandel

Bevor Menschen, insbesondere junge Frauen, aus Edo State in Nigeria über Menschenhändler nach Europa gebracht werden, müssen diese fast immer an einem Juju-Schrein einen Schwur ablegen. Er dient dazu, dass die Opfer schwören, niemals über das ganze Vorgehen zu sprechen, die Namen der Madame (weibliche Zuhälterin) und der Schlepper nicht verraten und ihre Schulden bei der Madame zurückzahlen. Dabei handelt es sich um Geldsummen von 25.000 bis 60.000 Euro. Diese Schulden müssen die jungen Frauen meistens in der Zwangsprostitution in Europa abarbeiten, wo sie pro Freier circa 10-30 Euro verdienen. Oft wird diesen Frauen erst in Europa offenbart, dass sie in der Prostitution gefangen sind und nicht wie versprochen, in einem Afro Shop oder zum Beispiel als Friseuse arbeiten können. Wird der Schwur gebrochen, droht in der Wahrnehmung der Opfer große Gefahr. Man wird krank, kann keine Kinder mehr bekommen, wird verrückt und auch die eigene Familie wird bedroht. Die Angst vor den Folgen des Brechens dieses Schwurs ist so groß, dass die betroffenen Opfer nachweislich unter schwersten psychosomatischen Beschwerden leiden. Gepaart mit posttraumatischen Belastungsstörungen, die nach der Zwangsprostitution und anderen Gewalterfahrungen entstehen, ist das Leben der Opfer bedroht und sie brauchen meist jahrelange psychotherapeutische und medizinische Behandlung.


Der Oba führte mit Hilfe einiger Juju-Priester am 9. März 2018 ein Ritual durch, das alle geleisteten Schwüre, die sich negativ auf die Opfer des Menschenhandels auswirken, aufheben soll. Dafür verwendete er ein Objekt namens Ososomaye. Man erzählt sich, dass dieses Objekt 400 Jahre nicht aus dem Königspalast heraus gebracht wurde und somit besonders wirkungsmächtig ist. Juju Aktivitäten des Königshauses sind in der Regel geheim, deshalb ist es nicht in Erfahrung zu bringen, wie dieser Juju genau funktioniert. Das Ritual und die Ansprache des Oba wurden live im Internet übertragen.

Ososomaye mit Opfergaben vor dem Königspalast.

Der Oba ist die oberste Instanz bezüglich Juju in Edo State und seine Jujus (bzw. die des Königshauses) stehen über allen anderen Juju Aktivitäten. Vielleicht kann man das mit einem Erlass des Papstes vergleichen.

Er forderte zudem alle in den Menschenhandel involvierten Personen dazu auf, mit sofortiger Wirkung ihre Tätigkeiten einzustellen. Sollte sich jemand nicht daran halten, werden die Flüche, die vorher auf den Opfern lagen, auf die Täter umgeleitet werden. Er rief außerdem dazu auf, dass die Opfer sich vor Ort in Europa Hilfe suchen sollen und die Namen der Täter an die Polizei geben können, ohne negative Konsequenzen durch Juju befürchten zu müssen. Die Bevölkerung von Edo State soll auch nach Tätern Ausschau halten und diese bei ihm melden. Wer sich nicht an seine Anweisungen hält, wird mit dem Tod bedroht.

In meiner Magisterarbeit (‚Never you run away‘ – Das Motiv der Mami Wata in Westafrika, 2012, LMU München) beschäftigte ich mich ausführlich mit dem Druckinstrument Juju-Schwur und ich hätte nie zu wagen geglaubt, dass der Oba sich persönlich in dieser Form einschaltet. Aus ethnologischer Sicht ist das ein außergewöhnliches Ereignis. Dennoch kann man noch nicht absehen, welche nachhaltigen Auswirkungen das haben wird.

Link zu einem nigerianischen Online Magazin, das darüber berichtete: https://www.nationalhelm.co/2018/03/ososomaye-traditional-palace-juju-used-by-oba-of-benin-to-revoke-curses.html

Video des Rituals (auf Bini, eine Sprache in Edo State / Nigeria): https://www.youtube.com/watch?v=GhI_OkDbuW0

Hilfe für betroffene Opfer aus dem Menschenhandel gibt es hier:

SOLWODI

JADWIGA

EXIT Wien

 

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admin • 17. März 2018


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