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Brasilianische „Suicidal shower“

Es gibt im Internet schon ausreichend Berichte über die sogenannten „Suicidal Showers“, die in Südamerika, aber wohl auch in Südostasien und noch anderen Regionen weit verbreitet sind. Trotzdem möchte ich heute meinen eigenen Erfahrungsbericht darüber schreiben, da ich es immer noch nicht fassen kann. Die Idee ist Folgende: Man installiert einen Plastikduschkopf dort, wo das Wasser heraus kommt. Anders als bei einem Durchlauferhitzer, der zum Beispiel in einem Boiler ist, kam jemand auf die geniale Idee, den Durchlauferhitzer direkt in den Duschkopf zu bauen. Also den Duschkopf, durch den das Wasser fließt, unter Strom zu setzen.

Unerfahren stelle ich mich in die Dusche und drehe das Wasser auf. Es ist schon einige Jahre her, als ich auch in Brasilien Probleme mit einer Dusche hatte – damals war ich sicher, dass die Dusche einfach nur kaputt ist. Bei meinem Brasilien-Aufenthalt letztes Jahr haben diese Duschen wunderbar funktioniert, deshalb hab ich mir bisher keine weiteren Gedanken darüber gemacht. Begutachtet man den Duschkopf genauer, dann liest man die Beschreibung: „Verão“ (Sommer) – „Desligado“ (Ausgeschaltet) – „Inverno“ (Winter). Ob das etwas mit der Wassertemperatur zu tun hat? Nach kurzer Überlegung (Im Sommer ist es ja heiß, vielleicht kommt das Wasser bei dieser Einstellung ja so heiß heraus wie der Sommer ist???), entscheide ich mich dann für Winter, in der Hoffnung, dass der Erfinder mit Winter kaltes Klima assoziiert, und somit warmes Wasser für passend hält. Ein bisschen Ruckeln am Schalter und schon…aaahhhhhhhhhhh…blitz…zisch…was war das? Meine Hand fühlt sich etwas taub an und ich starre ungläubig auf den Duschkopf – ich habe soeben einen Stromschlag bekommen. Na gut, war sicher ein einmaliges Vorkommnis, ich dusche weiter. Ab und zu britzelt es an den Fingern, an der Nagelhaut, die an manchen schnellen kleine Risse hat. Langsam begreife ich, dass durch mein Duschwasser Strom läuft. Mir wird etwas unwohl zumute und ich greife zum Drehknopf an der Wand, um das Wasser abzustellen. Und zack, durchfährt mich der nächste Stromschlag.

Da man ja irgendwie jeden Tag duschen muss, bewaffne ich mich am nächsten Tag mit Flip Flops und einem Gummihandschuh. Mein laienhafter Gedanke war, dass Gummi nicht leitet und der Strom somit nicht mehr durch mich hindurch fließen kann. Am Anfang geht auch alles gut, aber natürlich fließt Wasser in den Handschuh und die Flip Flops sind, welch Überraschung, auch schnell mit Wasser benetzt. Ich kassiere einen Stromschlag nach dem Anderen, beende schnell den elektrisierenden Guss und begebe mich zur Recherche ins Internet.

In entsprechenden Foren diskutieren seitenweise deutsche Ingenieure, die in Brasilien leben, über dieses Phänomen. Verlinkt werden Horrormeldungen von ganzen Familien, die in solchen Duschen starben und Erfahrungsberichte von Elektroduschen-Schocks, die die berichtende Person nur überlebte, das sie beim Fallen nach dem Schock die ganze Konstruktion mit aus der Wand gerissen hat. Anscheinend gibt es drei Möglichkeiten, so einen Duschkopf anzuschließen. Bei der einen schließt man das dritte Kabel zum Erde an den Erdanschluss des Hauses an, damit der Strom abfließen kann. Dummerweise gibt es so eine Leitung in Brasilien aber selten. Die andere Möglichkeit ist, eine Alternative für die Verkabelung dieses Anschlusses zu finden. Die dritte, am häufigsten praktizierte Variante ist, das Kabel einfach herum hängen zu lassen, oder an ein Wasserrohr anzudocken (!). Somit erklärt sich dann, warum der Drehknopf in der Wand auch unter Strom steht. Generell würden diese Duschköpfe sowieso nur ein Jahr halten, da die billige Konstruktion früher oder später zu einem Kurzschluss führt – Glück ist, wenn man dann gerade nicht unter der Dusche steht.

Mit meinem neuen Wissen bewaffnet, und dem festen Vorhaben nie wieder einen Fuß in diese Dusche zu setzen, vertraue ich mich meinen Mitbewohnern an. Ich ernte reichlich Gelächter und den Hinweis, dass sie ja schließlich alle noch leben würden und ein bisschen Elektrizität am Morgen einen gut wach machen würde. Brasilianer würden die Temperatur auch nur mit Hilfe des Bodenwischers oder mit Flip Flops umstellen, mit kurzen präzisen Schlägen auf den Duschkopf. Ein Mitbewohner gesteht mir dann aber, dass er zum Zudrehen des Hahns Shampooflaschen zur Hilfe nimmt. Ich weigere mich noch einen halben Tag die Dusche zu betreten, abends lasse ich dann die Dusche jemandem ausstellen und dusche Zähne-klappernd mit kaltem Wasser (ja, auch in Brasilien ist es nicht immer heiß). Heute habe ich es sogar gewagt unter der angestellten, also warmen Dusche zu duschen, natürlich ohne irgendetwas anzufassen.

Ändern kann ich diese Situation wohl nicht, Mitleid erwartet einen auch nicht, denn schließlich duschen hier alle unter einer „suicidal shower“. Dennoch beschäftigt mich jetzt folgende beunruhigende Frage: Wenn das Haus keinen Erdanschluss (oder wie auch immer das korrekt heißt) hat, hat es dann auch keinen Blitzableiter? Ist das nicht das gleiche?

 

Hier die zwei hübschen „suicidal showers“, zwischen denen ich im Moment wählen darf:

Photo: Lena Siemers

Photo: Lena Siemers

Photo: Lena Siemers

Photo: Lena Siemers

 

BrasilienDuscheElektroschockssuicidal shower

admin • 7. September 2014


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Comments

  1. Gabriele Seeger 7. September 2014 - 22:12 Reply

    Blitzableiter werden überschätzt, habe ich gelernt. Auch in einem deutschen Bürogebäude mit über 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist kein Blitzableiter vorgeschrieben. Ein Trost: Es brennt zuerst in der oberen Etage, wo die Chefs sitzen. Duschen, die bevölkerungsminimierende Wirkung haben, wären für die deutsche Bürokratie doch eine Anregung! Falls sie in „oberen Etagen“ und nicht in Studentenwohnheimen eingebaut sind.

  2. admin 24. September 2014 - 20:01 Reply

    Update: Mit einem trockenen Handtuch lässt sich das Wasser ohne Stromschlag an- und abstellen – meine neue Strategie für autonomeres Duschen…

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