Fluchtcollage

Pari sitzt alleine auf einem Stuhl in der Küche. Er lässt den Kopf hängen und starrt auf seine Hände, die wie seine Füße viel zu groß für seinen kindlichen Körper erscheinen. Als ich ihn kennenlernte, das war vor ein paar Wochen, passte ihm seine Kleidung noch. Er wächst schnell, man sagt er ist jetzt 13.

Die deutsche Bundesregierung hat sich informiert. Die afghanische Regierung bemühe sich seit Wochen um eine Kommunikationskampagne, in der sich gezielt für einen Verbleib der Menschen in Afghanistan bemüht wird.

Pari weint. Sein Bruder hat ihn vor 1,5 Jahren mit in den Iran genommen, damit sie nicht ermordet werden, denn der Bruder arbeitet für das afghanische Militär.

Es wird darüber nachgedacht, Teile von Afghanistan als sicheres Herkunftsland zu erklären.

„Abla, als junge Männer haben wir die Wahl: Für die afghanische Regierung oder für die Taliban zu arbeiten. In jedem Fall wird die eigene Familie von der jeweils anderen Partei bedroht, egal wie man sich entscheidet.“

Pari vermisst seine Mama, er hat seit 1,5 Jahren nicht mit ihr gesprochen. Sein Bruder gibt ihm nicht die Telefonnummer, die Mama soll nicht wissen, dass er Pari alleine weiter nach Deutschland geschickt hat. Wo er für ihn eine Zukunft sieht.

Die Afghanen sind auf den Flüchtlingsstrom quasi als Trittbrettfahrer aufgesprungen, sie müssen eigentlich gar nicht flüchten. Die USA haben doch schon Krieg gegen die Taliban geführt.

„Adel, kannst du mir kurz helfen die Dose zu öffnen?“ Nein, das geht ja nicht. Er kann seine linke Hand nicht bewegen, sie ist gelähmt. Vor ungefähr einem Jahr, da war er 14 Jahre alt, öffnete er zu Hause in Afghanistan die Tür und wurde von Taliban niedergestochen. Sein Rücken ist übersäht von Narben sagt der Arzt, seine Arme auch. Warum das passiert ist, hat er noch nicht erzählt. Ist uns auch egal. Adel ist ein Sonnenschein, wenn er nicht gerade einen Wutanfall hat. Ihm ist jetzt alles egal, er versteht die Welt nicht mehr. Aber er würde gerne Deutsch lernen und zur Schule gehen.

Afghanische Flüchtlinge sind gar keine Flüchtlinge, denn in Afghanistan ist ja kein Krieg mehr. Bis sie 18 werden können sie hier bleiben, denn leider kann man Kinder ja nicht abschieben. Dann müssen sie aber der Wahrheit ins Auge blicken, dass wir sie hier nicht behalten können. Die wollen ja eh nur hier arbeiten und Geld nach Hause schicken.

Gholam ist auch 13. Er weint nicht, aber seine Augen sehen aus wie die eines alten Mannes. Manchmal ist er frech, warum ist er so aufmüpfig? Wenigstens muss man sich um ihn keine großen Sorgen machen, der überlebt überall. Der Dolmetscher hat Tränen in den Augen. Wo ist der coole Dolmetscher, der es interkulturell so drauf hat und uns hilft die Jungs zu verstehen? Da steht er, erzählt mir von seiner eigenen Flucht vor 13 Jahren. Aber sie erscheint ihm harmlos: Durch Pakistan Richtung Norden. Ein Jahr in Moskau in einer Wohnung mit 20 Menschen in einem Zimmer. Zwei Jahre in Kiev. Er hätte so gerne einen Fußball gehabt. Aber er durfte nicht mal die Wohnung verlassen. „Abla, ich war wie einer deiner schlimmsten Jungs hier, Analphabet, total durcheinander und ohne Kindheit.“ Aber er war nicht wie Gholam tagelang in einem Kofferraum eingesperrt auf der Flucht. Er ist jetzt dankbar, auch weil er zusammen mit seiner Familie flüchten konnte.

Auf die Frage des Jugendamtes, wo sich seine Familie befindet, schnappt Hussain nach Luft. Die hat er doch verloren. Im Iran an der Grenze zur Türkei wurden sie plötzlich von iranischer Polizei beschossen. Seine Unterlippe wurde verletzt und er blutete im ganzen Gesicht. Deshalb habe der Schlepper ihn mitgenommen und in die Türkei gebracht. Seine Eltern nicht, auch nicht seine drei Schwestern. Er weiß nicht wo sie sind. Sein Handy wurde ihm auf der Flucht geklaut. Mögliche Nummern seiner Familie sind für immer verloren.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière: Die hohe Zahl von Asylbewerbern aus Afghanistan ist „inakzeptabel“. Man sei sich darüber mit der afghanischen Regierung „einig“. „Gemeinsam mit der afghanischen Regierung“ wolle Deutschland auch für die verstärkte Rückführung von Afghanen sorgen.

„Die Freiheit, nicht zu veröffentlichen“, Michael Knigge, Deutsche Welle

Aus: Michael Knigge: Kommentar: Die Freiheit, nicht zu veröffentlichen.http://www.dw.de/kommentar-die-freiheit-nicht-zu-ver%C3%B6ffentlichen/a-18193537, (aufgerufen am 18.01.2015).

„Natürlich gibt die Pressefreiheit Journalisten das Recht, Informationen zu veröffentlichen, selbst wenn ein Teil der Gesellschaft sie als beleidigend empfindet. Aber das bedeutet nicht, dass Journalisten grundlos brisante Informationen oder Bilder veröffentlichen sollten, nur weil sie das können. Stattdessen müssen sie beurteilen, ob sie die notwendigen Informationen vermitteln können, ohne die Gefühle von Menschen unnötig zu verletzen. Deshalb ist es eine Abwägungsfrage, ob man die Karikaturen veröffentlicht, und wenn ja, welche. Buzzfeed und viele andere US-Internetportale haben eine breitere Auswahl an Charlie-Hebdo-Karikaturen gebracht. Das Wall Street Journal und die Washington Post, die nach dem Attentat auf Mohammed-Karikaturen verzichtet hatten, zeigten dann das neue Charlie-Hebdo-Titelbild mit dem weinenden Mohammed. Die New York Times verzichtete dagegen auch auf dieses Bild. Jede dieser Entscheidungen kann man rechtfertigen. Das nennt man Pressefreiheit. Und sie schließt das Recht ein, nicht zu veröffentlichen.“

Hier der ganze Artikel: http://www.dw.de/kommentar-die-freiheit-nicht-zu-ver%C3%B6ffentlichen/a-18193537

Pegida-Anhänger sind keine Nazis?

Horst Seehofer, bayerischer Ministerpräsident, sagte im Interview mit der „Passauer Neuen Presse“ im Bezug auf die Gesinnung der Pegida-Anhänger: „Das sind weiß Gott nicht alles Nazis“. Vielleicht sind nicht alle überzeugte und bewusste Nazis, die Zusammensetzung dieser Bewegung ist aber dennoch bedenklich, den laut SZ war die Demo der Bagida (der bayerischen „Version“ von Pegida) die größte Versammlung von Rechtsextremen seit 1997 (in jenem Jahr demonstrierten 5000 Neonazis gegen die Wehrmachtsausstellung).

Besonders gefährlich ist, dass sich eigentlich nicht so wohl gesonnene Neonazis (da gibt es verschiedene zerstrittene Splittergruppen) jetzt in ihrer Islamophobie vereinigen, auch zusammen aufmarschieren. Pegida und ihre regionalen Auswüchse stärken also extrem die rechtsextreme Neonazi-Szene. Dies nur als kurze Info, für alle, die Pegida noch für harmlos halten.

Quellen:

– http://www.sueddeutsche.de/muenchen/islamfeinde-in-muenchen-wie-bagida-den-nazis-auf-die-spruenge-hilft-1.2303195 (zuletzt aufgerufen am 14.01.2015 um 23:16 Uhr)

– http://www.pnp.de/nachrichten/bayern/1536713_Seehofer-im-PNP-Interview-ueber-Pegida-Nicht-alle-sind-Nazis.html (zuletzt aufgerufen am 14.01.2015 um 23:16 Uhr)

München bekleckert sich nur geringfügig mit brauner Soße

20.000 Münchner haben sich heute am Sendlinger Tor eingefunden, um gegen Rassismus und Islamophobie zu protestieren. Vertreten waren alle Altersgruppen, von Familien mit Kindern bis zu älteren Herrschaften mit Gehwägelchen. Es ging sehr friedlich und fröhlich zu. Die Sprechgesänge der Islamophoben („Wir sind das Volk“ – mehr Text hatten die circa 1.500 Pegida-Anhänger nicht zu bieten) begleitete die Menge mit Trillerpfeifen und anderen klangvollen Instrumenten. Welche Assoziationen den Münchnern in den Köpfen umherspukten, wurde schnell klar, denn den „Wir sind das Volk“-Rufen wurden, natürlich viel lauter und ausdauernder, „Nazis raus“-Sprechchöre entgegen geschmettert.  Der „Spaziergang“ der „Wir sind das Volk“-Leute wurde von den 20.000 Münchnern dann bis zum Stachus begleitet, wo pünktlich um 20 Uhr das Gruselkabinett dann geschlossen wurde. Danke München, Servus und Salam, bis nächsten Montag.

Photo: Eddie Sanjuanelo

Photo: Eddie Sanjuanelo

Cultural Affair München ist bunt Sendlinger Tor

Photo: Eddie Sanjuanelo

Photo: Eddie Sanjuanelo

Photo: Eddie Sanjuanelo

Je ne suis pas Charlie – Ich bin nicht Charlie

Ressentiments gegen Flüchtlinge in der „normalen“ Bevölkerung, Pegida-Nazis auf den Straßen, tötende Terroristen, antisemitische Geiselnahmen – welche übelriechende, giftige Soße braut sich da zusammen? Ich verfolge unwillig und ungläubig, was uns in den Medien und auf Facebook so präsentiert wird. Über Nacht ist jeder jetzt Charlie, auch sonst an solchen Themen nicht mal peripher interessierte Leute.

Unwillig, weil mich die Geschehnisse erschaudern lassen und mir zum Kotzen zumute ist.
Ungläubig, weil ich die ganze Ignoranz und die reaktionäre Stimmung nicht fassen kann – egal von wem.

Trotzdem möchte ich heute etwas loswerden, auch wenn es sich anfühlt wie der Tropfen auf dem heißen Stein.

Ich bin für Meinungs- und Medienfreiheit, aber gegen die Verunglimpfung von Religionen. Rassistisch sind die stereotypen Darstellungen (die Bandbreite umfasst , welche die Zeitschrift Charlie Hebdo unter dem Deckmantel der Satire veröffentlicht hat. Böse, gefährlich, von Hass erfüllt. Die satirischen Darstellungen vom „Moslem“ erinnern mich an das Nazipropaganda-Plakat „Der ewige Jude“ (siehe weiter unten). Mit solchen Darstellungen wurde erfolgreich eine Masse an Menschen gegen eine Bevölkerungsgruppe, ja gegen ihre Nachbarn und Freunde aufgehetzt. Jetzt nennt man solche Darstellungen also Satire, aha – gefällt mir nicht.
Cultural Affair Der ewige Jude

Cultural Affair Charlie Hebdo
Ich bin gegen das Töten von Menschen (und Tieren). Die Mehrheit der Muslime ist auch dieser Meinung, da bin ich mir sicher. Menschen die töten sind Verbrecher, egal welche Motive sie haben. Dazu gibt es nicht viel mehr zu sagen, ist eigentlich logisch, wie alle haben nur ein Leben.

Ich bin gegen ignorante Menschen, zu denen ich die Pegida-Anhänger zähle. Diese Gehirnwäsche-Massenaktionen für verängstigte Bürger erinnern auch an Deutschlands dunklere Zeiten. Schön finde ich aber, dass München, die einstige „Hauptstadt der Bewegung“, einen Titel den die bayerische Hauptstadt 1934 von Adolf Hitler erhielt, erfolgreich bisher die Pegida-Aufmärsche blockiert.

Es geht nicht darum, sich eine Meinung zu bilden, ob „der Islam“ eine „schlechte“ oder eine „gute“ Religion ist, denn so etwas gibt es gar nicht. Es steht meiner Meinung nach auch niemandem zu, das zu beurteilen. Für die jüngsten Geschehnisse ist auch nicht „der Islam“ verantwortlich, sondern psychisch kranke Individuen, die sich haben aufhetzen lassen, von einem Gift verbreitendem Satiriker.

Wann werden wir endlich begreifen, dass ein gesundes Miteinander für alle nur funktioniert, wenn wir jeden Menschen unabhängig von seiner Religion, Herkunft, Hautfarbe und und sozialen Status behandeln?

Hört auf eure gedanklichen Schubladen zu benutzen, in die ihr schnell und schlampig jeden einsortiert. Macht eure Schubladen zu (oder räumt sie auf), denn in ihnen schimmelt schon der Hass in allen Farben.

Und darum: Je ne suis pas Charlie – Ich bin nicht Charlie.

Reza Aslan-ein Religionswissenschaftler im Kampf gegen altbekannte Vorurteile gegen „den Islam“

„We’re not alone in recognizing the power of relationships to overcome differences. Research shows that simply knowing someone from another religious or ethical group often leads to more positive views of that group. That’s why personal relationships are indispensable when it comes to changing how we talk about religion and atheism. When you know and admire a Muslim or an atheist, it no longer makes much sense to make sweeping generalizations about either group as made up of fanatics or bigots. The logic of blanket statements falls apart when you’re confronted with the diversity of lived religious and nonreligious experience.

When 46% of Americans think Islam is more violent than other faiths but only 37% even know a Muslim, and when atheists remain one of the most distrusted groups in the country, it’s clear that a conversation between these two communities could benefit both. But that won’t happen until we Muslims and atheists commit to spending less time speaking past one another and more time speaking with one another.“

(Quelle: Aslan, Reza: „Violent“ Muslims? „Amoral“ Atheists? It’s Time to Stop Shouting and Start Talking to Each Other. The Guardian, October 19, 2014.)

Mehr über Reza Aslan: http://rezaaslan.com/

Das Bild zum Sonntag – „Beija-flor pousou no meu coração“ – Das brasilianische Pendant zum deutschen Vogelhäuschen

Beija-flor pousou no meu coração (Ein Beija Flor ist in meinem Herzen gelandet) – „Beija Flor“ – Vize Mainha)

An manchen Orten in Brasilien hat man tatsächlich die Möglichkeit, mit einer einer im Supermarkt gekauften Vogeltränke (circa 2 Euro), Kolibris vor das eigene Haus zu locken. In Brasilien heißen die Kolibris Beija Flores – Blumenküsser. Im urbanen Bereich trifft man häufig eine etwa spatzengroße grün-blau-schwarze Art an. Ich bin ein großer Kolibri-Fan und kann es immer noch nicht ganz fassen, denn davon habe ich schon lange geträumt –  seit ein paar Tagen wird meine Kolibri-Tränke (in Piracicaba – SP) von zwei Beija Flores besucht. Wer will da noch ein langweiliges Vogelhäuschen… Einer kündigt sich immer laut schimpfend an, der andere ist ganz leise. Entschuldigt bitte die schlechte Fotoqualität, ich hab sie mit dem Handy gemacht und diese Kolibris sind ganz schön schnell 😉

Photo: Lena Siemers

Photo: Lena Siemers

 

„Rechtshilfe für Ausländerinnen und Ausländer München e.V.“ – ehrenamtliche kostenlose Rechtsberatung

Der Besuch bei einem Rechtsanwalt ist teuer, wenn man dann noch als Flüchtling in einer schwierigen Situation steckt, fehlt neben dem Geld oft auch der Mut, sich Hilfe zu suchen. Genau hier setzt der 1982 gegründete Verein „Rechtshilfe für Ausländerinnen und Ausländer München e.V.“ an. Im „Eine Welt Haus München e.V.“, Schwanthalerstraße 80, findet jeden Dienstag um 17.30 eine Sprechstunde statt. Der Service wird verwirklicht durch ehrenamtliche Rechtsanwälte, die durch ebenfalls ehrenamtliche Helfer unterstützt werden. Ich habe diesen Service schon einigen Bekannten empfohlen und er wurde als sehr hilfreich und professionell empfunden.

Für Cultural Affair machte ich ein kurzes Email-Interview mit einer ehemaligen ehrenamtlichen Helferin der Rechtshilfe:

1. Warum hast Du dich als Helferin bei der „Rechtshilfe für Ausländerinnen und Ausländer“ engagiert?

Ich bin eher zufällig durch ein anderes Praktikum auf die Rechtshilfe gestoßen. Da ich in dem Bereich bereits Erfahrung hatte und diese gerne nutzen wollte, um andere Menschen zu unterstützen, habe ich mich als Protokollantin engagiert.

2. Was hast Du dort genau gemacht?

Ich habe dort während der Beratung mit den Rechtsanwälten Protokoll geschrieben. Zu den Aufgaben gehörte auch die Betreuung der zu Beratenden, wie z.B.  sie von der Registratur abzuholen und ins Beratungszimmer zu bringen und dabei den ersten Kontakt herzustellen.

3. Welche Voraussetzungen sollten Helfer mitbringen?

Es gibt dort verschiedene Möglichkeiten sich als Helfer zu engagieren. Ich denke, als Protokollant/In ist es wichtig, dass man sich ein wenig einfühlen kann. Auch ein bisschen Fremdsprachkenntnisse schaden nicht, da man die zu Beratenden oft erstmal alleine abholt und ein wenig small talk betreibt, bevor die eigentliche Beratung losgeht. Hier sollte man den Leuten ein bisschen Sicherheit geben können, da es oft für sie nicht leicht ist, über  sie eigene Geschichte zu sprechen- noch dazu in einer Fremdsprache.

4. Wer sucht diese Rechtshilfe überwiegend auf?

Während der Termine, bei welchen ich geholfen hatte, waren es überwiegend Anfragen im Asylbereich. Die Menschen haben oft sehr unterschiedliche Beweggründe und Biographien.

5. Was hast Du für dich selbst aus deiner Helferarbeit lernen können?

Ich habe ganz unterschiedliche Schicksale kennen gelernt und gelernt gut zuzuhören und stärker zu differenzieren. Oft war ich beeindruckt von der Professionalität der Anwälte und der übrigen Helfer, die nach ihrem eigenen langen Arbeitstag ehrenamtlich Extra-schichten in oft sehr kniffligen Bereichen einlegen. Vor allem aber war ich bewegt von so manchem Schicksal, dem man begegnet ist und der Erfahrung, dass man eigentlich helfen möchte, aber das Gesetz einfach keinen Platz für manche Ausnahmefälle kennt. Manche Ratschläge der Beratung waren unerwartet unorthodox und haben mir gezeigt, dass es im Grunde um Menschlichkeit geht und nicht um strikte Rechtskonformität.

Wenn Ihr das nächste Mal jemanden trefft, der dem „Zielpublikum“ der Rechtshilfe entspricht und in einer blöden Lage ist, empfehlt ihm/ihr doch die Rechtshilfe. Bestimmt freut sich die Rechtshilfe auch über weitere ehrenamtliche Helfer. Schon Audrey Hepburn sagte angeblich: „As you grow older, you will discover that you have two hands, one for helping yourself, the other for helping others.“ (Wenn du älter wirst, wirst du merken, dass du zwei Hände hast. Eine um dir selber zu helfen, die andere um anderen zu helfen).

Hier geht’s zur Homepage der Rechtshilfe: http://www.rechtshilfe-muenchen.de/

Besonders gut finde ich die Info-Flyer in mehreren Sprachen: http://www.rechtshilfe-muenchen.de/infoflyer-rechtshilfe/

Photo: Lena Siemers

Warum nicht alle Brasilianer immer Flip Flops tragen oder – Ein Treffen mit dem Lagarto Teiú

Zu meinem Entsetzen erregt dieses Tier, etwa so groß wie ein kleines Krokodil (kann bis zu 1,40 m lang werden), hier (in Piracicaba, Bundesstaat São Paulo – Brasilien) genauso viel Aufsehen, wie bei uns vielleicht ein Eichhörnchen. Angetroffen habe ich diese beiden Teiús (wie sie in Brasilien umgangssprachlich genannt werden) auf meinem Weg zur Uni. Sie waren ungefähr einen Meter lang, auch wenn sie auf den Photos eher wie süße kleine Eidechsen aussehen. Laut Wikipedia können sie auch gut klettern und schwimmen. Jetzt ist mir auch klar, warum die meisten Studenten in Wanderschuhen zur Uni kommen und mich verwundert anschauen, wenn ich in meinem Flip Flops anrücke.

Photo: Eddie Sanjuanelo

Photo: Eddie Sanjuanelo

Brasilianische „Suicidal shower“

Es gibt im Internet schon ausreichend Berichte über die sogenannten „Suicidal Shower“, die in Südamerika, aber wohl auch in Südostasien und noch anderen Regionen weit verbreitet ist. Trotzdem möchte ich heute meinen eigenen Erfahrungsbericht darüber schreiben, da ich es immer noch nicht fassen kann. Die Idee ist Folgende: Man installiert einen Plastikduschkopf dort, wo das Wasser heraus kommt. Anders als bei einem Durchlauferhitzer, der zum Beispiel in einem Boiler ist, kam jemand auf die geniale Idee, den Durchlauferhitzer direkt in den Duschkopf zu bauen. Also den Duschkopf, durch den das Wasser fließt, unter Strom zu setzen.

Unerfahren stelle ich mich in die Dusche und dreht das Wasser auf. Es ist schon einige Jahre her, als ich auch in Brasilien Probleme mit einer Dusche hatte – damals war ich sicher, dass die Dusche einfach nur kaputt ist. Bei meinem Brasilienaufenthalt letztes Jahr haben diese Duschen wunderbar funktioniert, deshalb hab ich mir bisher keine weiteren Gedanken darüber gemacht. Begutachtet man den Duschkopf genauer, dann liest man die Beschreibung: „Verão“ (Sommer) – „Desligado“ (Ausgeschaltet) – „Inverno“ (Winter). Ob das etwas mit der Wassertemperatur zu tun hat? Nach kurzer Überlegung (Im Sommer ist es ja heiß, vielleicht kommt das Wasser bei dieser Einstellung ja so heiß heraus wie der Sommer ist???), entscheide ich mich dann für Winter, in der Hoffnung, dass der Erfinder mit Winter kaltes Klima assoziiert, und somit warmes Wasser für passend hält. Ein bisschen Ruckeln am Schlater und schon…aaahhhhhhhhhhh…blitz…zisch…was war das? Meine Hand fühlt sich etwas taub an und ich starre ungläubig auf den Duschkopf – ich habe soeben einen Stromschlag bekommen. Na gut, war sicher ein einmaliges Vorkommnis, ich dusche weiter. Ab und zu britzelt es an den Fingern, an der Nagelhaut, die an manchen schnellen kleine Risse hat. Langsam begreife ich, dass durch mein Duschwasser Strom läuft. Mir wird etwas unwohl zumute und ich greife zum Drehknopf an der Wand, um das Wasser abzustellen. Und zack, durchfährt mich der nächste Stromschlag.

Da man ja irgendwie jeden Tag duschen muss, bewaffne ich mich am nächsten Tag mit Flip Flops und einem Gummihandschuh. Mein laienhafter Gedanke war, dass Gummi nicht leitet und der Strom somit nicht mehr durch mich hindurchfließen kann. Am Anfang geht auch alles gut, aber natürlich fließt Wasser in den Handschuh und die Flip Flops sind, welch Überraschung, auch schnell mit Wasser benetzt. Ich kassiere einen Stromschlag nach dem anderen, beende schnell den elektrisierenden Guss und begebe mich zur Recherche ins Internet.

In entsprechenden Foren diskutieren seitenweise deutsche Ingeneuere, die in Brasilien leben, über dieses Phänomen. Verlinkt werden Horrormeldungen von ganzen Familien, die in solchen Duschen starben und Erfahrungsberichte von Elektroduschen-Schocks, die die berichtende Person nur überlebte, das sie beim Fallen nach dem Schock die ganze Konstruktion mit aus der Wand gerissen hat. Anscheinend gibt es drei Möglichkeiten, so einen Duschkopf anzuschließen. Bei der einen schließt man das dritte Kabel zum Erde an den Erdanschluss des Hauses an, damit der Strom abfließen kann. Dummerweise gibt es so eine Leitung in Brasilien aber selten. Die andere Möglichkeit ist, eine Alternative für die Verkabelung dieses Anschlusses zu finden. Die dritte, am häufigsten praktizierte Variante ist, das Kabel einfach rumhängen zu lassen, oder an ein Wasserrohr anzudocken (!). Somit erklärt sich dann, warum der Drehknopf in der Wand auch unter Strom steht. Generell würden diese Duschköpfe sowieso nur ein Jahr halten, da die billige Konstruktion früher oder später zu einem Kurzschluss führt – Glück ist, wenn man dann gerade nicht unter der Dusche steht.

Mit meinem neuen Wissen bewaffnet, und dem festen Vorhaben nie wieder einen Fuß in diese Dusche zu setzen, vertraue ich mich meinen Mitbewohnern an. Ich ernte reichlich Gelächter und den Hinweis, dass sie ja schließlich alle noch leben würden und ein bisschen Elektrizität am Morgen einen gut wach machen würde. Brasilianer würden die Temperatur auch nur mit Hilfe des Bodenwischers oder mit Flip Flops umstellen, mit kurzen präzisen Schlägen auf den Duschkopf. Ein Mitbewohner gesteht mir dann aber, dass er zum Zudrehen des Hahns Shampooflaschen zur Hilfe nimmt. Ich weigere mich noch einen halben Tag die Dusche zu betreten, abends lasse ich dann die Dusche jemandem ausstellen und dusche zähneklappernd mit kaltem Wasser (ja, auch in Brasilien ist es nicht immer heiß). Heute habe ich es sogar gewagt unter der angestellten, also warmen Dusche zu duschen, natürlich ohne irgendetwas anzufassen.

Ändern kann ich diese Situation wohl nicht, Mitleid erwartet einen auch nicht, denn schließlich duschen hier alle unter einer „suicidal shower“. Dennoch beschäftigt mich jetzt folgende beunruhigende Frage: Wenn das Haus keinen Erdanschluss (oder wie auch immer das korrekt heißt) hat, hat es dann auch keinen Blitzableiter? Ist das nicht das gleiche? Über fachkundige Beiträge würde ich mich sehr freuen!

 

Hier die zwei hübschen „suicidal showers“, zwischen denen ich im Moment wählen darf:

Photo: Lena Siemers

Photo: Lena Siemers

Photo: Lena Siemers

Photo: Lena Siemers